Foodcamp Cilento: 50 konfierte Eigelbe, gefüllter Schweinebraten und eine Pasta-Party

Der 30 Jahre alte VW-Bus fliegt mit berauschenden 45 km/h bei knapp 30 Grad die Strasse von Bagnoli Irpino in den Bergen zurück nach San Marco di Castellabate zurück. Er scheint ähnlich beflügelt wie die fünf Männer, die gerade ein once-in-a-lifetime Erlebins hinter sich gebracht haben.

Am Abend zuvor fanden sich beim Abendessen des Foodcamps im Cilento Knut aus Flensburg, Wolfgang aus Hamburg, dazu Benni, Florian und ich aus Berlin zusammen, um am folgenden Tag gemeinsam Trüffel kaufen zu gehen.

Florian Siepert, Organisator und ab sofort nur noch als Don Sieperto anzusprechen, stattete uns nicht nur mit 200 Euro aus, sondern auch mit dem Hinweis, dass man Trüffel nicht im Geschäft kaufen wird, sondern man sich an der Piazza umhören solle. Was sich anhört wie ein Drogendeal, sollte sich später auch in der Ausführung so zutragen.

Auf dem Weg in die Berge stellten wir fest, dass noch nie jemand von uns Trüffel gekauft hat, ich lediglich eine ungefähre Vorstellung davon hatte wie die Knollen riechen und aussehen sollten, wenn die Qualität stimmte. Aber ich war mir auch sicher, dass ich es wohl nicht merken würde, wenn die Pilze mit Trüffelöl eingerieben worden wären um den Duft zu verstärken. Hinzu kam ein nicht unwesentlicher Punkt: „Was heißt eigentlich Trüffel auf italienisch?“

Knut verkauft Schweinestall-Anlagen und ich Hörbücher, Wolfgang hat eine Softwarefirma, Benni arbeitet bei MTV und Florian baut Apps für clevere Telefone. Nicht die besten Vorraussetzungen, wenn man in einem fremden Land um ein Produkt verhandeln will, dessen Namen man nicht kennt.

Florian, der einzige an Bord des Busses, der italienisch spricht, war sich seiner Sache aber recht schnell sicher und wir begannen die Suche nach „Truffalo“ – so musste das einfach heißen, wir waren alle überzeugt. Sprachlose alte Männer, laute Zusicherungen, dass es so etwas in der Region nicht geben würde und die Sicherheit, dass wir hier etwas sehr Falsches tun begleiteten uns einige Zeit. Tartufo wurde erst durch den Blick ins iPhone gefunden. Der geneigte Leser sieht schnell: Wir waren eine Truppe voller Spezialisten.

Nach zweistündiger Fahrt kamen wir an und sprachen nach einem schnellen Cafe in der einzigen Bar an der Piazza den vorfahrenden Postboten an. Der musste wissen, wo es Truffalo gibt. Es dauerte keine 20 Sekunden und Florian hatte zwei neue Freunde. Den Postboten des Dorfes und einen Typen, dessen Namen wir nie erfahren sollten. In Jogginghose, kariertem Hemd und dem Gesichtsausdruck eines Gebrauchtwagenhändlers zieht er uns am Postauto das Geld aus der Tasche:

„Tartufo? Wie viel habt Ihr denn?“
„So 200 Euro.“
„Wie viel wollt ihr denn?“
„Na ja, so 500 gr, hmm, also vielleicht lieber 700 gr?“
„Ich komme in 10 Minuten mit einem Kilo wieder. Wartet hier.“
„Wow, super! Kann einer von uns mitkommen? Wir sind total interessiert und würden das alles gern mal sehen. Wo der Truffalo herkommt, wie er gelagert wird und so. Wir sind wahnsinnig gespannt. Geht das? Bitte?“

Mit verstörtem und fragendem Gesichtsausdruck geht er nicht auf Florians Frage ein, sondern wiederholt sich, während er abwinkt und zum Auto geht:

„Wartet hier. 10 Minuten.“

Sollten wir tatsächlich gerade ein Kilo schwarzen Trüffel vom Kumpel des Postboten bekommen haben? Das wäre das Doppelte von dem was wir mit 200 Euro bekommen sollten. Abwarten, Eis essen, den Barmann nach dem üblichen Kilopreis fragen und feststellen, dass wir deutlich über Marktpreis bezahlen würden und gespannt sein ob der Jogginghosen-Mann überhaupt wiederkommt. Er kam. Grinsend mit einer Tüte voller schwarzer Truffalo-Knollen fuhr er in seinem Fiat vor. Wohlriechend, fest, frisch wurden uns die Knollen durchs Fenster gegen Bares herausgereicht.

„Es sind 1 1/2 Kilo Männer. Amici-Amici-Preis.“
„Äh, echt? Wahnsinn! Danke.“

Ziemlich baff von der Freundlichkeit des Jogginghosen-Manns, skeptisch, ob wir vielleicht über den Tisch gezogen worden sind und aufgeregt wie kleine Kinder stieg die Reisegruppe Truffalo wieder in den Bus heimwärts.

Wir hatten weit mehr besorgt, als wir sollten, fühlten uns wie ziemlich böse Gangster und wussten, egal ob der Truffalo gut oder nicht gut ist: Zwei Stunden Fahrt in die Berge, 15 Minuten für einen 200 Euro Deal und zwei Stunden zurück ins Hotel sind eine Geschichte, die wir alle nie wieder vergessen sollten.

Truffel

1,5 kg Trüffel…

Stevan
wusch die Trüffel und stellte fest, dass sie noch immer gut rochen. Wir wurden nicht übers Ohr gehauen, zahlten lediglich ein wenig mehr, als zu dieser Jahreszeit üblich.

Den Trüffel haben wir in drei Gerichte verarbeitet. Florian machte konfierte Eigelb mit Salz und reichlich Trüffel drauf.

Eigelbe

50 Eigelbe schwimmen in Olivenöl und kommen bei 63 Grad aus dem Ofen auf den Teller.

Stevan füllte 5 Kilo Fleisch vom Schwein und zur Pasta-Party auf dem Dach des Hotel Antoinette gab es zu einem der 8 Gänge natürlich eine Pasta mit maßlos viel Trüffel.

Schweinbraten mit Kräutern, Trüffeln, Pinienkernen
Foto: Stevan Paul
Schweinebraten mit Kräutern und Trüffeln.

Was übrig blieb, und das war eine Menge, wurde unter den Teilnehmern verteilt oder zu Öl verarbeitet.

Natalie und Stevan haben ihre Geschichten zum Foodcamp auch bereits in Wort und Bild online gestellt. Viel Spaß beim lesen und entdecken neuer Berichte: Das Lesen jeder einzelnen wird sich lohnen.

Das waren Tage voller toller Menschen, fantastischem Essen, nicht aufhörendem Lachen und Momenten, die wir alle nicht vergessen werden.

In diesem Sinne: Tri Tra Truffalo… 

UPDATE: Florian sammelt hier alle Beiträge zum Foodcamp.

  1. siepert

    die alten männer und der pilz. so wunderbar. ich hatte ja versprochen, dass ich bis zum februar warte, bis ich wieder etwas plane. naja, klappt wohl eher nicht, ich habe befeuert von diesem wochenende soeben die ersten bücher bestellt. halte dir im nächsten herbst mal ein bisschen zeit frei.

    Oktober 9th, 2011 //
  2. katha

    gut gelacht. danke. und schön beschrieben. hat das irgendwer gefilmt?

    Oktober 9th, 2011 //
  3. Robbin Gheesling

    Thanks for coming to the Cilento! Come back soon!Robbin GheeslingVINEYARD ADVENTURES

    Oktober 10th, 2011 //
  4. Paul Fritze

    @Florian: Der Herbst ist geblockt. Ich bin dabei. Sollte mit dem VW-Bus erreichbar sein :-)@Katha: Ich bin aus vielerlei Gründen froh, dass in den Tagen keine Kamera mit Bewegtbild (und um Himmels WIllen) Ton dabei war :-) Komm das nächste mal mit. Das ist ein großer Spaß!@Robbin: Thanks for making the trip special! Did you buy the URL yet? :-)

    Oktober 10th, 2011 //
  5. Flo

    @Katha: falls das Ganze jemand gefilmt hätte, dann gäbe es heute niemanden mehr, der darüber schreiben kann… ;)

    Oktober 11th, 2011 //
  6. Heimo

    ein sehr feiner beitrag. mir läuft das wasser im mund und in den augenwinkeln zusammen. deine beiträge zum foodcamp erheitern meine seele/magen/leber. ich muss das nächste mal mit!

    Oktober 13th, 2011 //

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